Geschichte

Sommer 2015 … 

Wir, mein Mann Dietrich, unsere Tochter Lea-Marie und ich, fahren wieder einmal die kleine Straße durch das ehemalige Schlossgut, Schloss Ober-Neundorf und sehen das traurige Bild eines alten, durch Verfall geschändeten, eingewachsenen, im Dornröschenschlaf verharrenden Schlossgebäudes. Selbst das Notdach ist schon wieder im Begriff zu verfallen. Innen finden wir unzählige Wände als Zeitzeugnis für die vielen Wohnungen der 1945 vertriebenen Menschen, die hier Zuflucht gefunden hatten, nachdem die letzte Baronin, Olga von Stein, vor den Russen in den Westen flüchten musste. Viele kleine Toiletten und Waschbecken die auf den Kindergarten hinwiesen, der in der DDR hier Platz fand. Unser Herz war gerührt und dies führte dazu, dass das ehrwürdige Gebäude nach einigen Verhandlungen, in unseren Besitz übergehen durfte …

So begann eine neue „Geschichte“.

10 Jahre ist das nun her und rückblickend wundern wir uns darüber, wie das zu schaffen war, was bis dato geschaffen wurde. Mittlerweile gehört nicht nur das Hauptgebäude, sondern auch sämtliche Nebengebäude auf der „Schloss-Seite“ wieder dazu.  

Unsere Vision ist es, das Schloss, sowie mit der Zeit das ganze Ensemble nach und nach wieder mit Leben, Freude, Kultur, Begegnung und Besinnung zu erfüllen.

Das dreigeschossige Gebäude, welches im 13. Jahrhundert erstmalig erwähnt wurde, erhebt sich über einen längsrechteckigen Grundriss, dem auf der Parkseite ein seitlich angesetzter zweigeschossiger Flügel zugeordnet ist. Anhand der einheitlichen Fenstergestaltung und dem hofseitigen, großflächig, freigelegten Sgraffitoputz, lässt sich erschließen, dass der Hauptbau bereits in der Renaissance seine heutige Größe und Ausdehnung hatte. Ältere Bauspuren, die auf einen Vorgängerbau im zweiten Obergeschoss schließen lassen, waren bei der visuellen Begutachtung des Gebäudekubus nicht zu erkennen.

Das große Satteldach schließt den Bau ab, wobei die Form der Schweifgiebel des 19. Jhd., gezeigt durch eine Zeichnung der Künstlerin und Fotografin Elfriede Springer,  erst in der Nachkriegszeit verändert wurde. Durch eine weitere Zeichnung von 1805, belegt Johann Gottfried Schultz schlichte Giebel mit überstehendem Ortgang.

Die im 19. Jhd. entstandenen Schweifgiebel waren durch Witterungseinflüsse bereits so stark geschädigt, dass sie aufgrund des Material- und Geldmangels nach dem 2. Weltkrieg abgetragen werden mussten.

Der kleine Dachreiter, zuletzt bei Schultz dokumentiert, ist offenbar noch vor der Wende zum 20. Jhd. abgebrochen worden.

Die Fassade ist nahezu regelmäßig gegliedert, unterwirft sich jedoch noch nicht den Symmetriebestrebungen der Barockzeit, wie das aus der Mittelachse herausgerückte Hauptportal belegt. Alle Fenster sind mit renaissancetypischen gekehlten Sandsteingewänden ausgestattet.

Die dazugehörigen geradlinigen Fensterverdachungen wurden bei der Bereinigung der Fassade möglicherweise schon im Barock abgeschlagen und von der Familie Kuhn wieder ergänzt. Tatsächlich lassen sich die beschriebenen Räume, (beschrieben in den Lehnsakten zu Ober-Neundorf) bis auf den Altan, im Gebäude nachvollziehen, sodass, abgesehen von den zusätzlichen Raumteilungen der Nachkriegszeit, ein innerer Umbau des Gebäudes offenbar nicht stattgefunden hat.

Sgraffitofassade

Die 1991 begonnene restauratorische Voruntersuchung brachte Spektakuläres zu Tage. Unter dem ungegliederten Glattputz des 19. Jhd. lag zunächst eine gelbocker gefasste Putzschicht des Barock – darunter wiederum eine großflächig erhaltene Sgrafittoputzschicht die in mühevoller Kleinarbeit freigelegt, gesichert und konserviert wurde.

Bis zum Jahre 1677 lt. der vorangegangenen Baubeschreibung müssen diese Dekorationen sichtbar gewesen sein. Zitat: „von außen gegen den Hofe mit allerhand gerissenen Bildern gezieret“.

In der Erdgeschosszone ist der Putz mit einer Diamantquaderung überzogen, die Ecken des Gebäudes sind mit einer Putzquaderung deutlich hervorgehoben. In der darüber liegenden Zone dominieren große Medaillons mit Spruchtafeln. Lediglich das südliche Medaillon ist noch gut zu erkennen, sodass ein lateinisches Spruchband rekonstruiert werden konnte (Link zu einem Bild)? Bild abbilden? (JS).

Im oberen Bereich ist die Fassade mit überlebensgroßen Figuren überzogen. Neben Landsknechten in zeitgenössischen Uniformen, gruppieren sich biblische Szenen und Landschaften mit einer Jagdszene zu einem wahren Bildteppich, der die gesamte Fassade überzieht.

Vegetabiler Zierrat und illusionistische Scheinarchitektur umgibt die Bildszenen. Spätestens im 18. Jhd. müssen die Dekorationen bereits überputzt gewesen sein, wie die Federzeichnung des Johann Schultz beweist (siehe oben).

 

Gebäudeinneres

Man betritt das Gebäudeinnere durch das Renaissanceportal. Von diesem gelangt man in eine längsrechteckige, gewölbte Halle mit Stichkappen, von der an der Stirnseite die Eingänge zu den hinteren Wirtschaftsräumen, sowie dem Treppenhaus leiten. Die Räume hatten ihre ursprüngliche Ausstattung leider, nahezu völlig verloren.

Eine schlichte Stuckdecke des 18. Jhd, Reste von Holzvertäfelungen vor 1900 und einige kassettierte Türen zeichnen diese im 19. Jhd unterteilten Räume aus. Einzig die Eingangshalle mit ihrem korbbogigen Tonnengewölbe auf kleinen lappenartigen Stuckkonsolen, weist auf die einst reiche Ausstattung des Hauses hin.

Die partielle Überdeckung der bauzeitlichen Renaissancetürgewände an der Stirnwand beweist eine späte Bauzeit des Gewölbes – es kann angenommen werden, dass diese Halle ursprünglich eine Holzbalkendecke aufwies und vermutlich erst vor 1700 eingewölbt wurde. Von der Halle gehen einige kleine Feuerungstüren ab, die Indiz für die Hinterladeröfen der Wohnräume waren.

Eine Treppe mit Eichenstufen führt in das Obergeschoss. Der Treppenraum ist mit einer Segmenttonne überwölbt und stammt sicherlich aus der Erbauungszeit. Die Doppelfenstergruppe der Treppenhausrückseite weist mit Mittelsäule und gefassten Bodenlaibungen ein ähnliches Dekorationsschema auf, wie vergleichbare Fenstergruppen in renaissancezeitlichen Bürgerhäusern in Görlitz.

Das erste Geschoss nimmt die ehemaligen Repräsentationsräume des Schlosses auf. Sie sind mit Gewölbe ausgestattet, mit schlichten, breiten Bändern, die die Deckenflächen in geometrische Felder gliedert und teilt. Neben einer kleineren Raumflucht im Nordteil des Gebäudes dominiert der längsrechteckige Saalraum, der vier Fensterachsen einnimmt. Beim Heraufschreiten der Treppen in das zweite Geschoss, wird man von der sehr alten neo-Renaissancedecke überwältigt. Der Flur ermöglicht in fast alle Räume zu gelangen, insbesondere auf den Dachstuhl, indem eine kleine Kammer untergebracht war.

Eingangsbereich
4 Fluegelsaal

Zurück im 2. Obergeschoss ist auch hier ein Teil der Räume mit Gewölbe ausgestattet. In dem großen Saal, der gegenüber dem Treppenaufgang liegt, wurden nach 1945 Wände eingezogen, die nun wieder entfernt sind und den Saal in seiner ursprünglichen Größe erstrahlen lässt.

Das Schloss ist nach Osten hin eingerahmt durch inzwischen zerfallene, jedoch stattliche Wirtschafts­gebäude, Stallungen, Scheunen und ehemaligen Gesindewohnungen. Heute sind die Gebäude auf der Schlosseite wieder restauriert. Auf der gegenüberliegenden Seite leider noch immer dem Verfall preisgegeben. Der Park, mit seinem historischen Baumbestand, liegt im Südwesten und im Nordwesten steht das ehemalige Verwalterhaus.


Die vielen Hände durch die das Haus ging

1393–1412

Peter von Kottwitz

1412–1480

Heinrich und Jan von Sar

1480–1509

Christoph und Jan Haugwitz, Heinrich Radehawe

1509–1532

Nukel und Geo…? von Gersdorff

1532–1551

Georg von Gersdorff

1552–1580

Anna und Abraham von Gersdorff

1580–1591

Georg von Salza zu Rengersdorf

159 –?

Margarethe und Heinrich von Warndorf

?–1604

Nikol und George von Warnsdorf, Heinrich von Kheull, Christoph von Raussendorf

1604–1608

Heinrich von Salza

1608–1649

Kaspar III. von Fürstenau

1649–1666

Heinrich und Klaus von Taube

1666–?

Marie Luitgard Vitzthum von Eckstädt

?–1684

Christoph III. Vitzthum von Eckstädt

1684–1684

Daniel Zobel, Bürger von Görlitz

1684–1686

Siegfried von Rabenau

?-1700

Gottlob Ferdinand von Uechtritz

1700–1704

Rosina Patientia von Gersdorff

1704 -?

Johann Rudolf von Schönberg

1723-?

von Gersdorff und von Sahla

1743–1745

Johann Gottlob und Christiane Erdmuth von Schönberg

1745–1757

Carl Joachim von Schmiskal und Domanowitz

1757–1762

Gattin des Carl Joachim von Schmiskal und Domanowitz

1762–1768

Johann Gottlob von Schönberg

1768–1780

Heinrich Siegmund von Schollenstern

1780–1782

Friedrich Gottlob von Wiedebach

1782–1818

Karl Gottlob (von) Anton (Mitbegründer der Oberlausitzschen Gesellschaft der Wissenschaften)

1818–1822

Ernstine Antonie Irmengard von Gersdorff, verw. Von Anton

1822–1828

Hermann Adolf Schneider

1828–1833

Ernstine Antonie Irmengard von Gersdorff, verw. von Anton

1833–1840

Carl Georg Emil von L´Estocq

1840–1864

August Theodor von Jordan

1864–1907

von Haugwitz

1907–1911

von Martin

1911–1913

Emil Mattig, Rentier in Görlitz

1913–1945

Olga Freifrau von Stein zu Kochberg (geb. von Foerster) Enteignung des letzten Eigentümers und Aufteilung des Grundbesitzes einschließl. der Hofgebäude auf Neubauern

2001–2015

Familie Gisbert Dahmen – Wassenberg

Seit 2015

Familie Kuhn

Der Text stammt und ist hauptsächlich übernommen aus den Recherchen von Arne Franke, Kunsthistoriker und Frau Bettina Jochmann.